Im Tod sind wir Natur.
- Dörte

- 27. Jan.
- 9 Min. Lesezeit

2022 durfte ich mit dem Einstieg in meine Berufliche Praxis direkt mit der Weiterbildung zur Palliative Care Fachkraft weitermachen. Als Abschluß ist es notwendig sich einem Thema in einer Abschlußarbeit zu widmen und darüber einen kleinen Vortrag zu halten.
Hier möchte ich Euch meine Arbeit in einer Zusammenfassung vorstellen. Wer sie im Detail lesen möchte - sie ist diesem Text als Pdf ganz unten angehängt.
Einem Impuls folgend sagte ich, als ich im Vorstellungsgespräch des Hospiz im Wilhelminenstift saß, dass ich mich gerne in die Umgestaltung des Gartenareals um das Hospiz einbringen möchte. Die Anlage war in den letzten Jahren nur mit meist immergrünen Pflanzen versehen und es erschien mir zeitgemäß, notwendig und sinnvoll den Garten insektenfreundlich blühend (für die Umwelt) und therapeutisch wirkungsvoll (für Gäste, Zugehörige und Pflegekräfte) umzugestalten. Außerdem hatte ich, nach all den Veränderungen in meinem Leben, das Bedürfnis meine Hände in die Erde zu stecken und wieder Grund unter meine Füße zu bekommen. Nach den ersten Monaten der Einarbeitung und mit dem aufkeimenden Frühling setzte ich erste Schritte in diese Richtung. Sicher war ich mir, dass ein Garten für Gäste, Zugehörige und Pflegekräfte Entspannung, Ruhe und Kraft spendet. Vielleicht könnte der Kontakt zu unserem Garten für unsere Gäste aber auch für deren letzten Lebensabschnitt eine Auseinandersetzung anstoßen und Unterstützung bieten loszulassen.
„Ich glaube, meine große Liebe zum Garten entspringt einer Art instinktiver Dankbarkeit für dieses wunderbare, beinahe kindliche Gefühl, wenigstens dort in Sicherheit zu sein.“ (Pera 2016: 52)
Die Beschäftigung mit natürlichen Elementen in und um das Hospiz gehören zum klassischen Green Care Begriff. Diese beginnt mit dem Blick aus dem Fenster in einen Baum oder mit den frischen Blumen auf dem Tisch. Sie findet statt, wenn ich einen reifen Apfel schäle und wir bewusst dessen Duft wahrnehmen als auch der Kontakt zu Tieren wie es in der tiergestützen Therapie gelebt wird. Er reicht bis zu Phytotherapie und Aroma-Pflege. Selbst wenn wir bewusst den Regentropfen lauschen und im Gespräch an den geliebten Garten denken, gehört dies zu Green Care.
Die Grüne Pflege spricht alle fünf Sinne an: Das Sehen, das Riechen, das Hören, das Tasten/Berühren und das Schmecken.
Erforscht wurde, dass diese Art der Pfelge zur Entspannung und Schmerzlinderung beiträgt. Nachweislich steigert sie das Wohlbefinden nicht nur von schwerstkranken Menschen, sondern auch ihrer Pflegekräfte. Das Kuratorium für deutsche Altershilfe ordnet Green Care „[...] alle Erhaltungs- und Fördermaßnahmen [...], die mithilfe von Elementen aus der Natur erreicht werden können“ zu. Und weiter definiert das Kuratorium:
„Die Beschäftigung mit und die Integration der Natur in Wohnformen für Menschen mit Pflegebedarf stellen hierbei eine besondere Möglichkeit dar, die Lebensqualität zu verbessern.“ (Kuratorium Deutsche Altershilfe 2012: 12)
Die Lebensqualität unserer Gäste zu verbessern hat neben der Symptomlinderung in der palliativen Pflege oberste Priorität. Somit kann Green Care ein einfacher und niederschwelliger Einstieg sein, um genau diese Ziele zu erreichen.
Besonders das Fachgebiet der Gartentherapie ist erwiesener Maßen hilfreich in der Betreueung von Pflegebedürftigen. Die IGGT (Internationale Gesellschaft Garten Therapie e.V.) definiert die Gartentherapie als ganzheitliche Ergänzung und sogar als Alternative zu herkömmlichen Verfahren wie folgt:
„Gartentherapie ist eine fachliche Maßnahme, bei welcher pflanzen- und gartenorientierte Aktivitäten und Erlebnisse genutzt werden, um zielgerichtet Interaktionen zwischen Mensch und Umwelt zu initiieren und zu unterstützen, mit dem Ziel der Förderung von Lebensqualität und der Erhaltung und Wiederherstellung funktionaler Gesundheit. [...] Dabei bedient man sich einerseits der bloßen (Ein-) Wirkung des Garten- und Naturerlebens unter Anleitung zur Wahrnehmung und Achtsamkeit (rezeptiv) als auch andererseits des kreativen Arbeitens und Schaffens im Garten. Patientinnen und Patienten gestalten den Grünraum aktiv mit, indem sie z.B. Blumen-, Kräuter- oder Gemüse pflanzen, pflegen und betreuen. Für die Gartentherapie muss allerdings nicht unbedingt ein Garten verfügbar sein, sie kann auch jahreszeitenunabhängig sowie in geschlossenen Räumlichkeiten stattfinden, z.B. mithilfe von Töpfen oder Balkonkistchen.“(AG Konzeptgruppe Vollmer 2017: 13)
Die Wirkungen der Gartentherapie können
- körperlich (z. B. gesteigerte körperliche Aktivität, Rehabilitation, Förderung motorischer
Fähigkeiten, verbesserte Sinneswahrnehmung, Verbesserung des Schlafes etc.),
- psychisch (z. B. Verbesserung der Kognition, Wahrnehmung, Kreativität, zeitlichen und
räumlichen Orientierung, der Kommunikationsfähigkeiten, emotionalen Stabilität, Flexibilität, Frustrationstoleranz, Selbst- und Fremdeinschätzung, Stressreduktion, des subjektiven Wohlbefindens) und
- sozial (z. B. Interaktion/Identifikation mit anderen und der Umgebung) sein. (vgl. Redaktion Gesundheitsportal 2021)
Das Ergebnis der Forschungen an der Medizinischen Universität in Wien liefern den wissenschaftlichen Beleg für den palliativen Kontext, dass Gartentherapie eine hervorragende Möglichkeit ist, das körperliche und psychische Wohlbefinden zu verbessern sowie Ängste sowie Depressionen zu reduzieren und soziale Interaktionen zu erleichtern:
„Horticultural therapy (HT) is reported as an excellent way to improve physical as well as psychological well-being, reduce level of anxiety and depression, and promote social interaction.” (Masel et al. 2018: 1799)
Außerdem zeigte die Forschungsreihe eindeutig, dass nicht nur die Hospiz-Gäste, sondern auch die Pflegekräfte von der Gartentherapie profitierten. Ein Grund mehr diese in unsere Arbeit und unser Umfeld zu integrieren.
All diese oben genannten Aspekte berücksichtigend, orientierte ich mich in der Gestaltung des Vorgartend des Hospiz im Wilhelminenstift zusätzlich an der Idee eines Sinnesgartens, der versucht alle fünf Sinne anzusprechen.
Fallbeispiel: Wenn ich meine 90-jährige Freundin Frau T. in Bremen besuche, dann finde ich sie mittlerweile immer in ihrem Sessel sitzend. Ihr Blick ist in Richtung ihres Gartens gerichtet. Wenn ich sie frage, was sie den ganzen Tag macht, dann sagt sie: „Ich sitze hier und schaue in meinen Garten hinaus. Mehr brauche ich nicht.“ Frau T. ist durch eine Makuladegeneration fast vollständig blind.
Über den Sehsinn nehmen wir Bilder unserer Umwelt wahr. Wir deuten diese und speichern diese in unserer Erinnerung. In Bezug auf Green Care können frische Blumen auf dem Tisch im Zimmer oder im Flur der Einrichtung unsere Wahrnehmung der Umgebung positiv beeinflussen. Auch der Blick aus dem Fenster, in dem man eine Baumkrone erspähen kann, kann ein Anker für kranke Menschen sein und Ihnen in ihren (Heilungs-)Prozessen helfen. (vgl. Arvey 2015: 117 ff)
„Den Riechsinn spricht man im Sinnesgarten über duftende Pflanzen an. In erster Linie denkt man dabei an duftende Blüten wie der, der Rose. Im Garten gibt es aber noch viel mehr Duftendes. Kräuter zum Beispiel oder auch reifes Obst.“ (Hölscher 2022)
Jeder kennt die Situation, dass man an einem blühenden Busch oder Baum vorbei geht und es weht ein Wohlgefühl, eine Ahnung, ein Duft von etwas vorbei, das man zuerst gar nicht fassen kann. Es können ganz flüchtige Gerüche sein, die uns an einen sicheren Ort denken lassen. In meiner Arbeit in einer Einrichtung für demenziell veränderte Menschen habe ich das jeden Tag erleben können, wie das folgende Beispiel zeigt:
Fallbeispiel: Frau P. habe ich in einer solchen Einrichtung kennengelernt. Die Ursachen ihrer kognitiven Einschränkungen blieben im Dunkeln. Frau P. war eine streng katholisch gläubige Inderin und hatte nach dem Tod ihres Mannes allein in einem Haus mit Garten gelebt. In der Zeit, in der sie bei uns wohnte motivierte ich sie mit mir jeden Tag eine Runde durch den kleinen Garten der Einrichtung zu machen. Wir gingen vorbei am Hochbeet, in dem Zitronenmelisse wuchs. Jedes Mal blieben wir stehen und pflückten ein Blättchen, zerrieben diese zwischen den Händen und rochen daran. Wir sprachen über den Duft, die Namen der Pflanzen, die Erinnerungen, die diese kleine Geste auslösten. Das Schönste aber an diesen täglichen, kurzen Momenten war das Lächeln auf Frau P.s Gesicht. Für diesen flüchtigen Augenblick öffneten sich ihr Gesichtszüge und ich konnte den ganzen Menschen sehen.
Für mich gehört die Aroma-Pflege auch in diesen Bereich der Green Care. Sie spricht den Geruchssinn und die damit verwurzelten Areale im Gehirn an. Wenn kein Kontakt mit der direkten Natur möglich ist, dann können wir mit der Aroma-Pflege die Natur in den Raum und in das Bewusstsein holen und so für uns nutzbar machen.
Auch wenn man im ersten Moment denkt: „Welche Klänge sollen Pflanzen denn erzeugen?“, die Bandbreite der Geräusche, die uns mit der Natur verbindet, ist vielfältig: Das Rauschen von Blättern, das Rascheln eines trockenen Blattes, das Tropfen von Regen auf das Laub, das Plätschern eines Brunnens oder das Singen eines Vogels: Die Töne der Natur sind vielfältig.
Fallbeispiel: Herr L. war gerade eine Nacht bei uns. Ein Glioblastom und dessen operative Folgen, sowie drei Schlaganfälle hatten nicht nur sein Leben, sondern auch sein Sprachzentrum beeinflusst. Er hatte starke Wortfindungsstörungen. Ruhe und Zeit in der Kommunikation waren hilfreich, damit er sich formulieren konnte. Manches Mal dauerte es mehrere Minuten, dass er seine Worte fand. Oder sie ließen sich gar nicht mehr finden.
Als ich an diesem Morgen sein Zimmer betrat, lag er im Bett, leicht auf die Seite zum Fenster gedreht und schaute mich ruhig an. Aus seinem Blick konnte ich nicht deuten, was ihn beschäftigte.Nachdem ich die pflegerischen Tätigkeiten mit ihm gemeinsam durchgeführt hatte, fragte ich ihn, ob ich noch etwas für Ihn tun könne. Er sah mich an, ohne mich direkt zu fixieren und schwieg. In diesem Moment fiel mir auf, dass draußen Vogelgezwitscher zu hören war. Ich fragte ihn: „Herr L., lauschen sie den Vögeln?“ Er nickte, unsere Blicke trafen sich direkt und er sprach ohne zu zögern oder nach Worten zu suchen: „Ja, das ist hier das Schönste.“
Durch das Verhalten von Herrn L. habe ich in diesem Moment die Vögel wahrgenommen. Indem wiederum ich dieses ausgesprochen habe, konnte er sich formulieren. Gemeinsam haben wir Natur wahrgenommen und sie hatte auf uns beide in diesem Moment eine positive Wirkung.
Nicht nur das Berühren von Pflanzen und das Abtasten der Blüten, Blätter, Stängel und Rinden ist ein wichtiger Aspekt beim bewussten Erleben in der Gartentherapie. Es können auch Erlebnisse sein wie die Frische von Tau am Morgen, ein Windhauch, der den Arm streift, das Gefühl von Gräsern an den Beinen, wenn man an einer Rabatte vorbei geht, die Abkühlung, wenn abends der Garten frisch gegossen ist. Das Spektrum für das Fühlen ist groß: weich, hart, rau, glatt, kühl, starr usw.
Fallbeispiel: Frau H. zog im Januar 2023 zu uns in das Hospiz. Ihre Hauptdiagnose war ein Pankreaskarzinom. Wir lernten sie als eine starke und selbstbestimmte Frau kennen. Frau H. war seit ihrer Kindheit vollständig blind.Immer wieder gab es Tage an denen Frau H. mit Übelkeit zu kämpfen hatte und an einem dieser Tage folgte ich einem Impuls und bot ihr nicht nur den Duft unserer ätherischen Öle an, sondern auch einen Zweig frischer Pfefferminze aus unserem Vorgarten. Es war April und die Pfefferminze bildete bereits kräftige Triebe aus. Sie freute sich sehr darüber, betastet die Zweige und bat mich, diese in ein Glas auf das Schränkchen neben dem Bett zu stellen. Dort standen sie dann und jeder, der die Zweige entfernen wollte wurde von ihr mit den Worten aufgehalten, dass diese immer noch so gut duften würden. Nach mittlerweile mehreren Wochen fiel uns auf, dass die Zweige Wurzeln geschlagen hatten. Ich fragte Frau H. ob wir diese nicht zusammen wieder in den Vorgarten einpflanzen wollten? Sie antwortet begeistert, dass sie das schön fände. Ab da beschäftigt sie sich mit der Anlage unseres Vorgartens. Sie studierte diesen förmlich mit ihren Händen. In einem meiner Dienste begleite ich sie im Rollstuhl gemeinsam mit ihrer Schwester in den Vorgarten und wir setzten die Pfefferminz-Zweige in die Erde. Ihre feinen, schmalen Hände ertasteten den Boden und drücken die Erde um die Zweige fürsorglich fest.Zurück in ihrem Zimmer wirkte sie erschöpft aber zufrieden. Ein tiefer Atem ging durch ihren Körper. „So, das war gut.“ sagte sie und zog sich für diesen Tag schweigend in ihr Bett zurück.
„Ich sage ja gerne, wenn es um das Essen geht sind sich Mensch und Tier ähnlich. Essen geht fast immer! Mit Naschangeboten im Sinnesgarten kann man auch die größten Gartenmuffel nach Draußen locken. Naschangebote können die ganzen Obstsorten, allen voran Erdbeeren, Himbeeren und Johannisbeeren sein. Im Herbst locken Fliederbeeren sowie Äpfel und Birnen. Aber auch Gemüse wie Radieschen, Möhren und Tomaten stellen eine Versuchung dar.“ (Hölscher 2022)
Gibt es etwas Herrlicheres, als durch einen sommerlichen Garten zu spazieren und aus der Fülle reifer Früchte zu schöpfen? Hier ein paar Beeren und dort ein paar Tomaten zu pflücken, daran zu riechen, diese in der Hand zu spüren und sie sich dann auf der Zunge zergehen zu lassen. Der Reichtum des Lebens drückt sich darin aus, den wir unmittelbar genießen können.
Bereits die Gespräche mit unseren Gästen über das Entstehen unseres Gartens hat diese animiert, von ihren Erlebnissen in der Natur, von ihren Gärten und Orten aus ihrer Biografie zu erzählen. Manches Mal waren das richtige Gedanken-Spaziergänge. Das Erinnern dieser Plätze und davon zu erzählen schien gut zu tun in der Phase des Lebens, da alles im Ausnahmezustand ist und ins Wanken gerät. Zudem erlebe ich es jeden Tag, wie sich unsere Gäste, wenn es irgendwie möglich ist, im Freien aufhalten: „Die Sonne auf der Haut spüren“, „Sich an der frischen Luft bewegen wollen“, den Vögeln, dem Wind, den Regentropfen lauschen, Blüten und Kräuter berühren und an ihnen riechen wollen. Jeden Tag kommen Gäste von draußen herein, mit leicht geröteten Wangen und sagen Sätze wie: „Oh, das hat gut getan. Jetzt bin ich müde. Aber es hat gut getan.“ Diese Erfahrung könnte Grund genug sein, einen Garten um unser Hospiz zu pflegen. Die Wirkung der Pflanzen in unserem Lebensraum scheint mir aber noch tiefgründiger als der Erholungseffekt.
„Pflanzen spiegeln den Zyklus von Blühen und Vergehen wider. Gerade in der letzten Lebensphase empfinden wir den Aufenthalt in der Natur als wohltuend und bereichernd. Blütendüfte, Insektensummen, der Blick auf Pflanzen oder in die Ferne wirken sich in vielfältiger Art und Weise aus: Anspannungen können sich lösen, Gedanken sich neu ausrichten, wir gewinnen Abstand und kommen zur Ruhe. So kann ein Garten ein Ort sein, an dem sich Schmerz, Tod und Trauer als Teil des Lebens besser aushalten lassen.“ (Byrt 2023: 3)
In der täglichen Arbeit mit schwerstkranken Menschen erleben wir, je näher wir dem Lebensende eines Menschen kommen, dass kulturelle Maßstäbe immer weniger wichtig sind. Die Verluste des Gelernten, des Geübten, dessen was wir darstellen wollen, fallen Stück für Stück wie die Schalen einer Zwiebel von uns ab. Nicht immer gelingt dies leicht. Oft ist dieser letzte Weg ein harter, unerbittlicher, da er an Mustern und Konzepten festhält. Dieser Prozess spiegelt sich in unseren Körpern wider. Wem es gelingt das Bild von sich selbst loszulassen, kann an seinen Wesenskern heranreichen, zu seiner Essenz kommen. Vielleicht kann der Kontakt zur Natur in diesem Prozess Erleichterung schaffen und uns daran erinnern, dass auch wir Natur sind.




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