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die Krake und der Armleuchter

  • Autorenbild: Dörte
    Dörte
  • 17. Jan.
  • 2 Min. Lesezeit

Auf der Station in meinem ersten Lehrjahr gab es ein bunt gemischtes, großes Team von MitarbeiterInnen. Darunter war der Pfleger A. in meinem Alter, der sich mit mir gleich am ersten Tag anlegte. Seine raue und fordernde Art widersprach allen meinen Vorstellungen von Höflichkeit, Kollegialität und Erwartungen wie man meiner Meinung nach mit Auszubildenden umgehen sollte. Seine verbalen Angriffe machten mich nicht nur sprachlos sondern auch sehr wütend. Und dann nicht mehr sprachlos... Nun ja. Wir wurden keine Freunde, da ich mich nie an seine ruppige Art gewöhnen konnte. Aber wir schafften es miteinander gut zu arbeiten und wie es die Ironie einer solchen Situation oft mit sich bringt - ich lernte von diesem Kollegen viel Gutes. Das soll aber an einer anderen Stelle erzählt werden.


Eigentlich möchte ich von Frau S. erzählen. Sie war eine besondere Frau. Sie war im Verhältnis zu den anderen BewohnerInnen mit Mitte 70 jung, hatte alle Symptome, die ich in der Schule im Bezug auf eine Demenz kennengelernt hatte: Ihre Sprache zerfiel, sie verlor ihr Lang- und Kurzzeitgedächtnis, ihre Körperfunktionen reduzierten sich zusehends, sie war in Ort und Zeit desorientiert, sie sah Menschen, die wir nicht sehen konnten - das ganze Packet. Je nach Tagesform konnte man sich mit Frau S. gut oder gar nicht unterhalten.

Ihr langer Körper war sehr schlank und wurde immer ausgezehrter. Gleichzeitig wurden die Gelenke immer steifer. Ihre langen Gliedmaßen waren oft so sperrig, dass die Grundpflege allein kaum zu bewerkstelligen war.

Mein Kollege A. erzählte mir einmal, dass er bei Frau S. immer an eine Krake denken müsse - da ihre Arme und Beine immer überall zu sein schienen und dies bei der Pflege sehr hinderlich sein konnte. Er meinte das nicht unbedingt nett.


An diesem Tag waren wir gemeinsam auf unserer Pflege-Tour unterwegs, um zwischen Frühstück und Mittagessen die bettlägerigen Bewohner frisch zu machen - will heißen, dass wir das Inkontinenzmaterial wechselten. Wir waren gerade bei Frau S. im Zimmer und waren damit beschäftigt sie zu drehen, das alte Inkontinezmaterial zu entfernen, sie frisch zu machen und das neue IKM und darüber die Hose wieder anzuziehen. Dabei unterhielten wir uns. Auf unsere Ansprache, um sie in das Gespräch zu integrieren und zur Mitarbeit zu motivieren, bekamen wir zunächst weder eine Antwort noch eine Reaktion von Frau S. Das wunderte mich bei der Anwesenheit meines Kollegen A. nicht. .


Schließlich wurde mein Kollege deutlicher und während er sie schnaufend von der Anstrengung in die Rückenlage zurückdrehte, sagte er zu ihr: "Frau S.! Ich habe vorhin noch zu Dörte gesagt, dass sie wie eine Krake sind!" Frau S. drehte in diesem Moment ihren Kopf und schaute ihn direkt an während sie mit ihren langen Armen vor seinem Gesicht fuchtelte und sagte dann ganz klar und ohne zu zögern den Satz: "Und sie?! Sie sind ein Armleuchter!"


Das saß. Selbst A. mußte lachen. Ich dachte nur: das geschieht Dir recht und ich freute mich über diese etwas holprige aber gelungene "Aktivierung".


Einmal mehr hat es mir gezeigt, dass es egal ist, in welchem Zustand die Kognition ist:

Dein Herz hört mit!



Faust, alte Hand, zuendeleben

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