das Mütterchen
- Dörte

- vor 13 Stunden
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Hat Pflege immer etwas Mütterliches?
Wir hatten in der Demenzeinrichtung in der ich meine Ausbildung machte eine Mitte Neunzigjährige, die ich sehr mochte. Sie war eine rege, sich selbstverständliche Frau. Sie war an den Rollstuhl gebunden und verfing sich immer wieder in Unruhezuständen. Vor der Mittagsruhe half ich ihr regelmäßig ins Bett, damit sie sich etwas ausruhen konnte. Und, wenn am Vormittag viel los war, dann war der Mittagsschlaf dienlich, damit sie etwas abschalten konnte. Auch wenn ihr diese Ruhephasen nachher gut taten, gab es immer häufiger Tage, an denen sie die Unruhe durch Überreizung und kreisende Gedanken nicht abschalten konnte. Deswegen übte ich mit ihr eine Mittagsroutine ein. Nach dem Mittagessen, das ich sie in ihrer Zeit abschließen ließ, schob ich sie auf ihren Wunsch in ihr Zimmer. Ich half ihr auf die Toilette, unterstützte sie beim Händewaschen und besprachen bereits während dieser Handlungen genau jeden Schritt, den wir ausführten und wiederholte mit ihr, was jetzt als nächstes käme.

Danach half ich ihr in ihr Bett und setzte mich kurz zu ihr, nahm ihre Hand und sagte immer die gleichen/ähnlichen Sätze in etwa so:
„Frau H. es ist Mittag, sie haben gerade zu Mittag gegessen.
Wir waren gemeinsam im Badezimmer.
Sie waren auf der Toilette, sie haben eine frische Einlage an.
Jetzt liegen sie in ihrem Bett.
Es ist 13.30 Uhr.
Um 15 Uhr kommt meine Kollegin.
Sie wird nach Ihnen schauen und sie wieder in den Gemeinschaftsraum begleiten.
Wenn Sie zwischenzeitlich auf die Toilette müssen, klingeln sie bitte.
Ich komme gleich noch einmal in ihr Zimmer und werde die Wäsche in den Schrank räumen.“
Bei diesen langsam gesprochenen Sätzen hielt ich ihre Hand, schaute ihr in die Augen und vollzog diesen Ablauf auch vor meinem geistigen Auge Schritt für Schritt nach.
Dabei achtete ich auf ihre Reaktionen und wenn sie Fragen hatte, unterbrach ich meinen Ablauf und beantwortete diese.
Ich schloss dieses kleine Ritual ab, indem ich sie fragte: „Haben sie noch Fragen oder brauchen sie noch etwas?“
Meistens kam dann noch eine Frage in etwa wie: „War ich schon auf der Toilette?“ oder „Habe ich eine frische Einlage an?“ Spätestens dann, wenn ich das bejaht hatte, entspannte sich ihr ganzer Körper und sie sagte „Es ist gut. So machen wir es.“
Dann ging ich raus und der Ablauf gelang meistens gut. Manchmal klingelte sie wegen einem Toilettengang dazwischen, aber nie wegen starker Unruhe.
Diesen Ablauf etablierte ich mit Frau H. Und dies entspannte unsere Mittage. Sie erinnerte sich nie daran. Aber die Routine, die ich für mich in diesem Ablauf und den Worten gefunden hatte, tat ihr ebenfalls gut. Dies fühlte sich jedenfalls für mich so an. Einmal saß ich an ihrem Bett und hatte gerade meinen Text gesprochen und es war Ruhe im Raum eingekehrt. Sie legte ihre freie Hand auf unsere haltenden Hände und sagte, „ach sie Mütterchen, danke!“ Ich lachte. Ich dachte in dem Moment: „Moment, sie ist doch das Mütterchen hier.“ Aber mit dem nächsten Gedanken durchdrang ich was sie damit zum Ausdruck bringen wollte: Sie spürte meine Fürsorge, die sie wohl mit Mütterlichkeit in Verbindung zu brachte. Das war ja auch von mir gemeint. Ich wollte mich gut und umfänglich um sie kümmern.
In dem Moment freute ich mich zutiefst, da sich mein Gefühl bestätigt sah, dass dies angekommen war.




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