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  • AutorenbildDörte

„Frau S. ist wie eine alte, struppige Katze.“

Aktualisiert: 6. Okt. 2020


Sage ich zu meiner Kollegin, als wir uns aus dem kleinen Auto hieven, um Frau S. auf unserer Tour des ambulanten Dienstes zu versorgen.

„Wie ist denn eine alte Katze?“ fragt meine Kollegin erstaunt und durchaus interessiert.


Hm. Mit dieser Rückfrage hatte ich gar nicht gerechnet. Ich muss denken. Sie ist anschmiegsam, knochig-mager und aufmerksam-unruhig streicht sie durch das Haus und über den Hof, immer auf der Suche nach irgendwas, was es vielleicht gar nicht gibt. Die Haare sind stumpf und stehen ihr hinter den Ohren in alle Richtungen. Sie ist staubig und doch sauber. Schreckhaft ist so eine Katze und zerzaust.


Das alles denke ich und sage aber nichts wirklich von Belang.


Als wir das alte Fachwerkhaus betreten, tauchen wir einer übel, verbrauchten Luft entgegen. Das Leben von Frau S. ist alles andere als romantisch. Gemeinsam mit ihrem Mann lebt sie in einem altem Haus - ich möchte eigentlich gar nicht viel mehr wissen - den kleinen Einblick, den ich bei unseren Besuchen gewinne ist oberflächlich, aber er reicht mir: Die Auslegeware ist fleckig und dünstet das Leben der letzten 40 Jahre aus...


Frau S. ist bereits angezogen, liegt aber wieder in ihrem Bett, das im „Wohnzimmer“ steht. Sie hat uns nicht gehört, da sie nicht hört, aber keine Hörgeräte hat. Um uns zu verstehen, setzt sie ihre Brille auf. Im ersten Moment muss ich fast lachen – aber ja, natürlich. Sie liest von unseren Lippen ab. So geht es mit der Verständigung ganz passabel.


Sie schwingt ihren drahtigen Körper an den Bettrand und ich wickle ihre Beine mit einer Kompressionsbinde. Dann verabreichen wir ihr die Medikamente. Dazu trinkt sie ein paar Schlucke aus einer Tasse mit Wasser, die auf dem ehemaligen Wohnzimmertischchen steht. Wie lang das Wasser dort schon ist – ich kann es nur vermuten. Während sie die Tabletten schluckt, schüttelt es sie. Es fällt ihr schwer die Medikamente runter zu bekommen. Die Große, sagt sie, bleibt immer wieder im Rachen hängen und dort löst sie sich auf und wird dann ganz bitter. Wieder schüttelt es sie. Frau S. spricht tiefen Dialekt. Ich kann vieles von dem, was sie sagt, nur erahnen. 1:1 steht es in der Verständigung: Ich verstehe ihren Dialekt nicht und sie kann kaum hören, was ich sage – so sprechen zwei „Taube“ miteinander und doch – die Verständigung gelingt einigermaßen. Frau S. kennt den täglichen Ablauf und zusammen mit Gestik und Mimik und immer wieder einzelnen Worten verstehen wir uns doch ganz gut.


So gehen wir gemeinsam in das Badezimmer, das hinter der Küche gelegen ist und dessen Zugang einen tiefen Türsturz hat, an dem ich mir bei meinem ersten Besuch gleich einmal eine Beule zusammen mit einem Schrecken holte.

Nasse Katze
Bild: © wix.com

Frau S. schlüpft aus ihren Kleidungsstücken – wir assistieren ihr bei der Morgentoilette mit dem Waschlappen: Gesicht, Arme, vorderer Oberkörper, Rücken, vorderer Intimbereich, Gesäß. Dabei Hautbeobachtung, Einschätzung der Verfassung der Patientin und Gespräch über das Wetter und die Jahreszeit zur Orientierung. Dann wieder ankleiden. Zu guter Letzt, Brille aufsetzen und Haare kämmen. So wie wir fertig sind, drückt sie meine Hand – „sind wir fertig“ – ja wir sind fertig bestätige ich mit einem Kopfnicken und sie bedankt sich und klopft mir auf den Rücken, ich klopfe zurück und in diesem Moment fällt sie mir in die Arme. Wir umarmen uns. „Danke schön“ sagt sie „Danke Frau S.“ sage ich.


Ohne dass ich es gemerkt habe, war sie für mich da.


Eben wie eine alte Katze, die sich streicheln lässt und von der man denkt, dass das dem Tier sicher gut tut und dabei gar nicht merkt, dass das Streicheln und die Entspannung eigentlich einem selbst gut tun. So habe ich mich an diesem Morgen Frau S. zugewendet und habe dabei ganz viel Zuwendung für mich zurückbekommen.


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