Und dazwischen arbeitet man.
- Dörte

- vor 4 Tagen
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Eine Begegnung im Hospiz Alltag. (11.02.21)
Herr S. ist auf seinen letzten Meter Leben. Er ist ein Mann, der 87 Jahre zählt, dessen Körper bestimmt wird von einem Krebs im Bauchraum, der alle seine Kräfte aufzusaugen scheint.
Er möchte gerne allein sein – dann sitzt er auf der Bettkannte und kämpft mit dem Tee, den er sich aus Pfefferminze, Kamille und viel Zucker, damit er ihn runter bekommt, mischt. Gesellschaft strengt ihn an. Aber heute geraten wir ins plaudern und dann sitzt er da und schaut raus in den kalten, verschneiten Wintertag und sagt nachdenklich –
„Es ist schon komisch – man wir geboren – und dann stirbt man und dazwischen – was ist dazwischen – da arbeitet man.“
Mir nimmt es die Luft, im ersten Moment weiß ich nicht was ich tun oder sagen soll. Und das ist gut, wie sich herausstellt, denn ich bleibe einfach stehen und lasse diese Frage im Raum sein. Ja, wofür sind wir eigentlich da? Denke ich und dann sage ich schließlich laut „Ja, das weiß man manchmal wirklich nicht.“ Wir schweigen beide. Dann frage ich nach, weil ich es komisch finde, dass er die Arbeit so betont und ich nicht viel über ihn weiß. „Darf ich fragen, was Sie gearbeitet haben, Herr S.?“ Herr S. erzählt von langen Jahren als Maler in einer Firma in der er sich gut aufgehoben gefühlt hat und er beschreibt die Arbeit für ihn als gute Arbeit. Dann übernahm der Sohn des ehemaligen Besitzers und ruinierte, wie so oft, den Betrieb. Den Schikanen sei er dann aus dem Weg gegangen indem er sich eine Arbeit als Hausmeister gesucht habe, bei einer Bank. Diese Arbeit war gut bezahlt. Da konnte er alleine vor sich hinarbeiten. Er hielt sich immer verfügbar – auch nachts haben sie ihn angerufen, wenn etwas war. Und auch für seine Frau und die Nichte war er immer da – „Einer hat etwas gesagt und wer hat es gemacht? Der Günter.“ Wieder schweigt er.
Ich denke – nun sitzen wir hier und er hat sein Leben verschenkt an Menschen, die nicht mehr leben und die jetzt nicht da sind. Weder die guten Dinge, noch die Schlechten können wir teilen. Niemand sitzt an unserem Totenbett und bedankt sich bei uns für die Aufopferung und die Entbehrungen, die wir auf uns genommen haben.
Schließlich spreche ich meine Gedanken einfach aus:
„Danke Herr S. dass sie das alles gemacht und so vielen Menschen geholfen haben.“
Er schaut mich an. „Ach ja“ sagt er.
Es entsteht wieder eine Pause und ich dann frage ich ihn, wie sich sein Körper gerade anfühle. Er sagt: "Er ist so schwer. So schwer, dass ich meine Füße kaum heben kann. Ich komme mir vor wie ein Elefant." Das sagt ein Mann, der nur noch Haut und Knochen ist.
Nach einer wiederholten Pause sprechen wir weiter und es kommt die Sprache auf seine Nichte – eine Träne sammelt sich in seinem Auge.
Da ist etwas sehr schwer und nicht zu fassen.
Er erzählt mir, dass er sich wünscht, dass er einfach einschlafen kann und nichts merkt vom sterben. Ich sage ihm, dass ich glaube, dass es nicht mehr weit sein kann.
Und irgendwie ist es für mich ein ganz trauriger, heiliger und wunderschöner Moment.
Wir schlucken beide. Und ich sage, dass es schön für mich ist, ihn kennen zu lernen.
Zum Abschied sage ich: „Falls wir uns nicht mehr sehen sollten, dann wünsche ich Ihnen alles Gute und eine gute Reise wo auch immer sie hin geht.“ Er atmet auf. „Ja, danke! Ihnen auch!“ Ich wende mich zum Gehen und drehe mich noch einmal um bevor ich das Zimmer verlasse. Wir winken uns zu und er strahlt über das ganze Gesicht.





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